LECTURE & FILM: PIER PAOLO PASOLINI

il decameron

Sexualität, Spiritualität, Macht: Pier Paolo Pasolini hielt sich nicht mit oberflächlichem Geplänkel auf, sondern stach mit seinen Filmen, Büchern, Gedichten und Essays mitten hinein ins Wespennest der politischen und gesellschaftlichen Missstände im Italien der 1960erund 70er-Jahre. Sein Unmut richtete sich insbesondere gegen die fehlende Aufarbeitung des Faschismus, die sozialen Verwerfungen im Subproletariat und die Arroganz des Bürgertums. Viele seiner Werke lösten Skandale aus, und immer wieder musste Pasolini seine Kunst vor Gericht verteidigen.

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Pasolini wurde 1922 geboren und wuchs in Norditalien auf. Nachdem er seine Stelle als Volksschullehrer verloren hatte, zog er 1950 mit seiner Mutter nach Rom. Er knüpfte Kontakte zur Kunstszene in der Hauptstadt, erkundete die Vorstädte und identifizierte sich stark mit den dort lebenden Menschen. Nach anfänglicher Erwerbslosigkeit schrieb er Romane, bevor er 1961 mit ACCATTONE seinen ersten Film drehte. In den folgenden vierzehn Jahren schuf Pasolini 22 Filme, von denen nicht wenige zu den Schlüsselwerken des Weltkinos zählen, unter ihnen IL VANGELO SECONDO MATTEO (IT/FR 1964) und sein letzter Film SALÒ O LE 120 GIORNATE DI SODOMA (IT 1975). Pier Paolo Pasolini wurde am 2. November 1975 ermordet.

Werke, die sich mit den Themen des Regisseurs beschäftigen, begleiten die Vorträge internationaler Experten. Im April stehen Pasolinis Idole im Mittelpunkt: Sergej Eisenstein, Carl Theodor Dreyer und Kenji Mizoguchi.

Die Reihe organisieren das Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft, das Institut für Kunstgeschichte und das Institut für Romanische Sprachen und Literaturen der Goethe-Universität gemeinsam mit dem Kino des Deutschen Filmmuseums im Netzwerk der Hessischen Film- und Medienakademie.

DAS BLINDE SEHEN: GESCHICHTE UND MYTHOS IN EDIPO RE

Lecture von Regine Prange

Regine PrangePier Paolo Pasolini war von der Figur des Jesus Christus ebenso fasziniert wie von Ödipus, dessen freudianische Deutung er im Prolog zu EDIPO RE (IT/MA 1967) entfaltete. Beide Figuren – Christus und Ödipus – sind verbunden durch das Motiv des sühnenden Selbstopfers. An der Ödipus-Sage faszinierte Pasolini besonders die Unwissenheit des Helden, die seiner Handlungsweise eine gewisse Unschuld verleiht. Durch den Versuch, seinem Schicksal zu entkommen, sorgt Ödipus für die Erfüllung der Prophezeiung. Pasolinis mythische Filmerzählung EDIPO RE markiert von Anfang an die ‚blinden‘ Momente, in denen sich die Tragödie ankündigt und vollzieht. Sie wird dabei auch als ein Bild für die Geschichte der modernen Zivilisation lesbar, welche der Erlösung bedarf. Nach Pasolinis Auslegung transformiert die Selbst-Blendung des „christomorphen Ödipus“ (Franco Citti) seine unwissende Blindheit in ein nunmehr erkennendes ‚blindes Sehen‘. Und zwar nach dem Vorbild des Teiresias – ein Sehen, das sich der Führung des Volkes überlässt. Es beschreibt gleichzeitig die Rolle Pasolinis als eines Intellektuellen, dem im zeitgenössischen Italien eine Außenseiterrolle zugewiesen wird.

Regine Prange ist Professorin für Neuere und Neueste Kunstgeschichte, Kunst- und Medientheorie an der Goethe-Universität Frankfurt.

EDIPO RE Edipo Re – Bett der Gewalt

Italien/Marokko 1967. R: Pier Paolo Pasolini
D: Silvana Mangano, Franco Citti, Alida Valli. 104 Min. 35mm. OmeU

EDIPO RE

Laios und Iokaste, die Herrscher von Theben, erfahren durch ein Orakel, dass ihr Sohn den Vater umbringen und die Mutter heiraten wird. Sie beauftragen einen Diener, ihren Sohn Ödipus zu töten. Doch der Diener setzt das Kind in den Bergen bei Korinth aus. Dort findet es ein Bauer, der es König Kreon übergibt. Als Ödipus erwachsen ist, erfährt er vom Orakel des Apollon die grauenvolle Weissagung. Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Pasolini bezeichnete EDIPO RE als seinen autobiografischsten Film, da die Ödipusfigur darin dem Vatermord näher steht als dem Inzest.

Donnerstag, 16.04.2015
20:15 Uhr

Filmbeginn:
ca. 21:15 Uhr

PPP & MGM. GENRE UND SERIALITÄT BEI PASOLINI AM BEISPIEL DES DECAMERONE UND DER „TRILOGIE DES LEBENS“

Lecture von Bernhard Groß

Bernhard GroßPier Paolo Pasolini gilt als einer der einflussreichsten Filmemacher des Autorenkinos in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts; nicht zuletzt, weil er wie kaum ein anderer in seiner Arbeit die Bedeutung des Kinematographischen für die anderen Künste, für Theorie und Gesellschaft einsichtig gemacht hat. Der Versuch, die Arbeit Pasolinis auch auf ihren Bezug zum Genrekino zu befragen, verspricht weitreichende Erkenntnisse. Nach IL VANGELO SECONDO MATTEO arbeitete Pasolini für seine „Trilogie des Lebens“ erstmals wieder mit „fremden Drehbüchern“. Diese Vorlagen zeichnen sich dadurch aus, dass sie stark durch Wiederholungen und Variationen geprägt sind. Inwieweit formt Pasolini daraus kinematographische Elemente, die Rhetoriken des Genrekinos entsprechen?

Bernhard Groß, Professor für Medienwissenschaft an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig, ist Autor des Buches Figurationen des Sprechens. Pier Paolo Pasolini (2008).

IL DECAMERON Decameron

Italien/Frankreich/BRD 1971. R: Pier Paolo Pasolini
D: Franco Citti, Ninetto Davoli. 112 Min. 35mm. OmeU

IL DECAMERON

IL DECAMERON erzählt neun Novellen des Boccaccio: Den Leitfaden im ersten Teil bildet die Geschichte des Ser Cepperello, der beim Beichten den Priester belügt und sich in einen Heiligen verwandelt. Der Fresken- Maler Andreuccio wird von einem Mädchen ausgeraubt und erleichtert die Leiche eines Bischofs um seine Juwelen. Masetto gibt sich taubstumm, wird in ein Nonnenkloster aufgenommen und lässt sich dort bis zur Erschöpfung verführen. Ein Film „mitten hinein ins volle, pralle Leben“, urteilte Fassbinder-Schauspieler Harry Baer nach der Premiere auf der Berlinale 1971, bei der Pasolini mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde.

Donnerstag, 30.04.2015
20:15 Uhr

Filmbeginn:
ca. 21:15 Uhr

BRONENOSEC POTËMKIN Panzerkreuzer Potemkin

UdSSR 1925. R: Sergej M. Eisenstein
D: Aleksandr Antonov, Vladimir Barskij. 70 Min. DCP
Restaurierte „Berliner Fassung“, Musikfassung. Mit dt/russ. ZT

PANZERKREUZER POTEMKIN

Odessa 1905: Die Matrosen des russischen Kriegsschiffs Potemkin beginnen zu meutern, weil sie faules Fleisch essen sollen. Als der Kapitän einige erschießen lässt, bringen die Matrosen das Schiff in ihre Gewalt, und die Bewohner der Stadt solidarisieren sich mit ihnen. Doch dann kommt es auf der Hafentreppe zur blutigen Auseinandersetzung mit der Armee des Zaren. Durch seine revolutionäre Montagetechnik in BRONENOSETS POTYOMKIN erlangte der Regisseur und Filmtheoretiker Sergei M. Eisenstein Weltruhm.

Mittwoch, 01.04.2015
18:00 Uhr

Samstag, 04.04.2015
18:00 Uhr

DIE GEZEICHNETEN

Deutschland 1922. R: Carl Theodor Dreyer
D: Elisabeth Pinajeff, Adele Reuter-Eichberg. 105 Min. DCP. Musikfassung. Mit dt/russ. ZT

DIE GEZEICHNETEN

Russland Anfang des 20. Jahrhunderts: Aufgrund antisemitischer Anfeindungen verlässt die junge Jüdin Hanne-Liebe Segal ihr Heimatdorf und reist zu ihrem Bruder Jakow nach St. Petersburg. Da er zum Christentum konvertiert ist, kann Jakow als Anwalt praktizieren. Hanne-Liebe trifft auf eine revolutionäre Gruppe, der auch Rylowitsch angehört, der als Wandermönch antisemitische Hetze betreibt. In Hanne-Liebes Heimatdorf löst Rylowitsch ein Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung aus. DIE GEZEICHNETEN entstand als erster Film Carl Theodor Dreyers außerhalb Dänemarks, in einer nachgebauten Filmstadt in Groß-Lichterfelde nahe Berlin.

Mittwoch, 08.04.2015
18:00 Uhr

Samstag, 11.04.2015
18:00 Uhr

SANSHŌ DAYŪ Sansho Dayu – Ein Leben ohne Freiheit

Japan 1954. R: Kenji Mizoguchi
D: Kinuyo Tanaka, Yoshiaki Hanayagi, Kyōka Kagawa. 124 Min. Blu-Ray. OmeU

SANSHO DAJU

Im japanischen Kaiserreich des 11. Jahrhunderts wird der Statthalter wegen seiner sozialen Politik und der Auflehnung gegen den Feudalherrn ins Exil verbannt. Seine Ehefrau wird zur Prostitution gezwungen, die Kinder werden als Sklaven verkauft. Als sie erwachsen sind, gelingt dem Sohn die Flucht und er macht sich auf den Weg, die Rätsel seiner Vergangenheit zu lösen. „Ein Meisterwerk von Mizoguchi, das Bilddichtung mit kraftvoller Darstellung vereint und von der Überzeugung beseelt ist, daß der Mensch nur durch Mitleid und Barmherzigkeit bestehen kann“, urteilt das Lexikon des Internationalen Films.

Mittwoch, 22.04.2015
18:00 Uhr

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