Lecture & Film: Tropical Underground – Mai 2018

Tropical Underground

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Noch neuer als die neue Welle des Cinema Novo war in der brasilianischen Gegenkultur der 1960er und 1970er Jahre das Cinema Marginal: eine Explosion des Erfindungsreichtums an der Schnittstelle von Underground und Genrekino. Ausgelöst durch die Einmischung der Militärdiktatur ins Kulturleben, ist die Bewegung verknüpft mit dem Tropicalismo in der Musik und zugleich eine visionäre Antwort auf die Globalisierung. Noch bis Juli zeigt die Lecture & Film-Reihe Tropical Underground herausragende Filme des Cinema Marginal, die – meistens wegen der Zensurpolitik der Zeit – kaum öffentlich vorgeführt worden sind. Vorträge von Expert/innen der brasilianischen Film- und Kulturgeschichte helfen uns, diese eigenartige Produktion in ihre Kontexte zu setzen und besser zu verstehen.

In Zusammenarbeit mit dem Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt und dem Exzellenzcluster »Die Herausbildung normativer Ordnungen«

Mehr Informationen unter tropicalunderground.de

Internationale Tagung: Das andere 68. Anthropophage Revolutionen in der brasilianischen Gegenkultur nach 1968

50 Jahre nach den französischen Studentenaufständen bilden die Ereignisse des Pariser Mai nach wie vor einen derart starken gesellschaftlichen Bezugspunkt, dass sich in Deutschland eine ganze Partei über die Ablehnung dessen definieren kann, wofür „68“ in der öffentlichen Wahrnehmung steht. Die Tagung „Das andere 68: Anthropophage Revolutionen in der brasilianischen Gegenkultur nach 1968“ stellt dieser eurozentrischen Sicht eine andere Perspektive entgegen. Sie rückt einen kulturellen Umbruch ins Zentrum, der einer ganz anderen Revolte entspringt. 1968 ist das Jahr, in dem die Militärdiktatur in Brasilien ihr Unterdrückungsregime entscheidend verschärfte und die Folter institutionalisierte. Sie löste damit eine Gegenbewegung aus, deren Folgen die Politik des Landes bis heute mitbestimmen. Die Entwicklung abseits von Paris, an der vermeintlichen Peripherie, wurde zum Ausgangspunkt einer Richtungsänderung der globalen Kulturproduktion und einer neuen Art des Umgangs mit der kulturellen Globalisierung: die Zäsur 1968 in Brasilien und ihre Folgen.

Mittwoch, 23., bis Freitag, 25.05. Museum Angewandte Kunst · Schaumainkai 17, Frankfurt am Main
Mehr Informationen unter tropicalunderground.de/tag

ÄSTHETISCHE ANTHROPOLOGIE: DIE FILME VON ARTHUR OMAR ALS ETHNOGRAPHIE DES IMAGINÄREN

Lecture von Ivana Bentes (Rio de Janeiro)
in englischer Sprache

Wie können wir die Trennung von Subjekt und Objekt überwinden und das ‚Andere‘ erfahren? Wie kann die Sprache der Ästhetik Empathie, aber auch Spannung mit dem sozialen und politischen Anderen ermöglichen? Diesen Fragen geht Ivana Bentes anhand von Arthur Omars TRISTE TRÓPICO nach – der weder zum Cinema Novo noch zum Cinema Marginal gehört. Omars Filme und Schriften bilden eine Theorie der Sprache und Ästhetik als Ethnografie, in der das Kino der Dokumentation des Imaginären dient. Arthur Omar ist Soziologe und arbeitet seit den 1970er-Jahren als Künstler mit verschiedenen Medien wie Experimentalfilm und Fotografie. 1972 schrieb er den wichtigen Essay O antidocumentário, provisoriamente (Der Anti-Dokumentarfilm, vorläufig) über die „Natur“ des Kinos. Seine Filme und Schriften bilden eine Theorie der Sprache und Ästhetik als Ethnografie sowie ein Kino als Dokumentation des Imaginären.

Ivana Bentes ist Filmwissenschaftlerin und Professorin an der Universidade Federal do Rio de Janeiro – UFRJ. Sie hat unter anderem über Glauber Rocha und Joaquim Pedro de Andrade publiziert und forscht auch über Themen globaler Peripherien, der Medienkunst und kollaborativer Netzwerke.

 

Mitschnitt der Veranstaltung:

 

TRISTE TRÓPICO

Brasilien 1974. R: Arthur Omar. 77 Min. OmeU

triste

Der Mediziner Dr. Arthur kommt nach einem Studienaufenthalt in Paris nach Brasilien zurück. Mit sicherer Stimme erzählt der Sprecher seine Geschichte. Die Fakten seines Lebens werden aber immer absurder, und der scheinbare Dokumentarfilm wird zu einem »Anti-Dokumentarfilm«, wie vom Regisseur Arthur Omar selbst in seinem Manifest von 1972 definiert. Mit viel Ironie hinterfragt der Film nicht nur den ethnologischen Diskurs, sondern auch das Format des Dokumentarfilms. Der Titel Traurige Tropen bezieht sich auf den 1955er Reisebericht des französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss.

Donnerstag, 03.05.2018
20:15 Uhr

Filmbeginn:
ca. 21:15 Uhr

Eintritt frei

 

THIRD WORLD – THIRD REICH – THIRD CINEMA

Lecture von Diedrich Diederichsen (Berlin/Wien)
in deutscher Sprache

diedrichsen

Ein Hitler-Roboter stapft durch lehmige Favelas, um einen „wirklich radikalen Faschismus“ zu errichten: José Agrippino de Paula hat die durchgeknallteste psychedelisch- didaktische Polit-Groteske der brasilianischen Sixties gedreht. Agrippino de Paula war mit seinem Werk Teil der Gegenkulturbewegung im Brasilien der 1960er und 70er Jahre. Bekannt wurde er durch das Buch PanAmérica von 1967, einem Grundstein der Tropicália-Bewegung in Brasilien. Als Regisseur drehte er mehrere Kurz- und mittellange Filme, HITLER TERCEIRO MUNDO ist sein einziger Langfilm.

Diedrich Diederichsen lehrt Theorie der Gegenwartskunst an der Akademie der bildenden Künste Wien. Seine 2017 bei Suhrkamp erschienene Monographie Körpertreffer – Zur Ästhetik der nachpopulären Künste thematisiert unter anderem Popkultur in Brasilien.

Mitschnitt

HITLER TERCEIRO MUNDO

Brasilien 1968. R: José Agrippino de Paula
D: Fernando Benini, Túlio de Lemos, Jô Soares. 71 Min. Digital. OmeU

hitler

Ein Samurai, Jesus Christus und eine Gruppe Nazis leben in der »Megalopolis« und schaffen Chaos im brasilianischen Alltag des Jahres 1968. Mal surrealistisch, mal dokumentarisch entwickelt sich ein absurdes Theaterstück in Schwarz und Weiß über die Militärdiktatur. Mit einer radikalen und fragmentarischen Erwählweise, typisch für das Cinema Marginal, berichtet HITLER TERCEIRO MUNDO von Paranoia, Schuld und Elend in einem Entwicklungsland. Obwohl der Film erst im Jahr 1984 öffentlich uraufgeführt wurde, etablierte er sich bald zu einem der wichtigsten Filme der Zeit.

Donnerstag, 17.05.2018
20:15 Uhr

Filmbeginn:
ca. 21:15 Uhr

Eintritt frei

Helena Ignez und das Cinema Marginal

Begleitend zur Lecture & Film-Reihe und anlässlich der Tagung »Das andere 68« ( S. 29) zeigt das Kino des Deutschen Filmmuseums eine kleine Auswahl an Filmen von, mit und über Helena Ignez, die am 23. Mai in Frankfurt zu Gast ist. Die Karriere von Helena Ignez ist seit den 1960er Jahren eng mit der brasilianischen Filmgeschichte verbunden. Heute vor allem als Schauspielerin des brasilianischen Cinema Marginal bekannt, gab sie ihr Debüt im Kurzfilm PÁTIO (1959) von Glauber Rocha, dem Hauptvertreter des Cinema Novo. In der Zusammenarbeit mit Regisseur Rogério Sganzerla erlebte Ignez ihre produktivste kreative Phase und wurde zum Star des Cinema Marginal. Zusammen schufen sie Schlüsselwerke wie THE RED LIGHT BANDIT (1968) und die gesamte Produktion von Belair Filmes. Seit dem Tod Sganzerlas 2004 kümmert sich Ignez um die Restaurierung seiner Filme und konzentriert sich zugleich verstärkt auf eigene Regiearbeiten.

Videobotschaft der Regisseurin Helena Ignez zur Filmreihe

A MOÇA DO CALENDÁRIO  My Calendar Girl

Brasilien 2017. R: Helena Ignez
D: André Guerreiro Lopes, Djin Sganzerla. 86 Min. DCP. OmeU

moca

Der 40-jährige Inácio hat einen Gelegenheitsjob in einer Werkstatt und träumt dort von der jungen Frau aus dem Wandkalender. Traum und Realität beginnen sich zu vermischen. Helena Ignez‘ Langfilm-Adaption eines Drehbuchs von Rogério Sganzerla aus den 1980er-Jahren.

Videobotschaft von Helena Ignez

Mittwoch, 23.05.2018
18:00 Uhr

Helena Ignez musste ihren Besuch in Frankfurt aus gesundheitlichen Gründen leider absagen.

COPACABANA MON AMOUR

Brasilien 1970. R: Rogério Sganzerla
D: Helena Ignez, Otoniel Serra, Paulo Vilaça. 85 Min. DCP. OmeU

copacabana

Rio de Janeiro: Eine Prostituierte (Helena Ignez), ihr schwuler Bruder und die Mutter, die sie von ihrer vermeintlichen Besessenheit heilen will. Ein radikales Experiment aus der Belair-Produktion, mit geringen Mitteln in CinemaScope gedreht.

Videobotschaft von Helena Ignez

Mittwoch, 23.05.2018
20:15 Uhr

Helena Ignez musste ihren Besuch in Frankfurt aus gesundheitlichen Gründen leider absagen.

RALÉ  The Lower Depths

Brasilien 2016. R: Helena Ignez
D: Djin Sganzerla, Simone Spoladore, Ney Matogrosso. 73 Min. DCP. OmeU

rale

Ein Film innerhalb eines Filmes. Auf einem Bauernhof dreht eine Gruppe junger Filmschaffender den Film »Die Exhibitionistin«. Darin feiert Barão Hochzeit mit dem Tänzer Marcelo. Der poetische und musikalische Film spürt der »brasilianischen Seele« nach und feiert den Amazonas als Nabel der Welt. RALÉ reflektiert auf philosophische und anarchische Weise existenzielle Fragen nach sexueller Freiheit und Identität. Frei nach Maxim Gorkis Nachtasyl (in Brasilien als „Ralé“ erschienen).

Videobotschaft von Helena Ignez

Samstag, 26.05.2018
18:00 Uhr

BELAIR

Brasilien 2009. R: Bruno Safadi, Noa Bressane
Dokumentarfilm. 80 Min. Digital. OmeU

familia

Die Regisseure Júlio Bressane und Rogério Sganzerla haben in Brasilien Kinogeschichte geschrieben. Die von ihnen gegründete Produktionsfirma Belair – in der Helena Ignez eine große Rolle spielte – hat einige der wichtigsten Filme des Cinema Marginal hervorgebracht. Zwischen Februar und Mai 1970 sind bei Belair sieben Filme entstanden, darunter SEM ESSA, ARANHA (Tropical-Underground- Reihe Januar 2018) und COPACABANA MON AMOUR ( S. 32). Anhand von Archivmaterial zeichnet der Film die Geschichte der kurzlebigen, aber sehr bedeutenden Produktionsfirma nach.

Mittwoch, 30.05.2018
18:00 Uhr

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