LECTURE & FILM: Tropical Underground – November 2017

Das brasilianische Cinema Marginal und die Revolution des Kinos

tobeornottobe

Wer die kulturelle Globalisierung der Gegenwart verstehen will, kann von der brasilianischen Gegenkultur der 1960er und 1970er Jahre lernen. Mit deren Verbindung von Anthropologie und Avantgarde befasst sich die Campus-Veranstaltung „Tropical Underground“, zu der neben der „Lecture & Film“-Reihe im Filmmuseum auch die Fotoausstellung „Variationen des wilden Körpers. Fotografien von Eduardo Viveiros de Castro“ im Weltkulturen Museum und weitere Veranstaltungen zwischen Oktober 2017 und Juli 2018 gehören. Die „Lecture & Film“-Reihe setzt den Akzent dabei auf das Cinema Marginal der späten 1960er und 1970er und stellt dieses auch in den Kontext des Cinema Novo und der Tropicalia-Bewegung.

Das komplette Veranstaltungsprogramm von „Tropical Underground: Revolutionen von Anthropologie und Kino“ finden Sie hier.

Der Meister des Terrir : Ivan Cardosos O SEGREDO DA MÚMIA (1982)

Lecture von Stefan Solomon (University of Reading)

Ivan Cardoso, Rätselgestalt des brasilianischen Kinos, schuf sich seine eigene Nische mit dem Genre des terrir – einer Art Horror-Komödie (terrir setzt sich aus „terror“ und „rir“ (lachen) zusammen). Sein erster Langspielfilm O SEGREDO DA MÚMIA (Das Geheimnis der Mumie, BR 1982), ist mehr als die komische Neuinterpretation des Universal-Horror-Klassikers von Karl Freund. Der Star des Films ist der Künstler Hélio Oiticica, eine Schlüsselfigur der brasilianischen Moderne der 1960er Jahre, der mit seinem Werk „Tropicália“ zum Namensgeber der gleichnamigen Musikrichtung wurde. Zugleich basiert Cardosos Film auf einer Idee des Ethnologen Eduardo Viveiros de Castro und einem Drehbuch des Groschenroman- und Comicbuch-Autors Rubens Francisco Lucchetti. O SEGREDO DA MÚMIA wird durch seine komplexen Bezüge selbst zum Geheimnis, das es zu enthüllen gilt.

Stefan Solomon
Stefan Solomon ist Postdoktorand im Forschungsprojekt „Towards an Intermedial History of Brazilian Cinema“. Für die Tate Modern kuratiert er derzeit das Filmprogramm „Tropicália and Beyond: Dialogues in Brazilian Film History“.

 

 

 

O SEGREDO DA MÚMIA The Secret of the Mummy

Brasilien 1982. R: Ivan Cardoso
D: Joel Barcellos, Rubem Barra, Carla Bayton. 85 Min. Digital (Formatänderung!). OmeU

MUMIA artikel

Professor Expedito Vitus hat das „Elixier des Lebens“ entdeckt. Doch als er diese wissenschaftliche Sensation öffentlich verkündet, wird er von seinen Kollegen nur verspottet. Gekränkt wendet er sich der Rekonstruktion einer in acht Teile geteilten Karte zu, deren Besitzer der Reihe nach auf geheimnisvolle Weise ums Leben gekommen sind. Mithilfe der Karte gelingt Vitus die wichtigste archäologische Entdeckung des Jahrhunderts: das Grab des Runamb in der ägyptischen Wüste. Daraufhin beschließt der Professor, den ultimativen Beweis für die Wirksamkeit seines Elixiers anzutreten: Er will die Mumie wieder zum Leben erwecken.

Donnerstag, 02.11.2017
20:15 Uhr

Filmbeginn:
ca. 21:15 Uhr

Eintritt frei

Reservierung empfohlen

Mitschnitt der Veranstaltung



THE RED LIGHT BANDIT (1968) – Der Angriff des Marginalen auf das übrige Kino

Lecture von Martin Schlesinger (Bochum)

Mit O BANDIDO DA LUZ VERMELHA (THE RED LIGHT BANDIT) präsentierte der gerade mal 22-jährige Rogério Sganzerla 1968 nach eigener Aussage einen „Western über die Dritte Welt“; einen Film, der zugleich als wilder Krimi, poetisches Musical, sensationssüchtiger Dokumentarfilm und blutige Komödie betrachtet werden kann. Mit seiner unkonventionellen Vermischung von Genres zählt er zu den stilgebenden Werken des brasilianischen Cinema Marginal. Wegen der Darstellung von Gewalt und Erotik wurden viele Filme des Cinema Marginal zensiert und marginalisiert. Auf klare politische Botschaften und eine zusammenhängende Narration verzichtet indes THE RED LIGHT BANDIT. Darin zeigt sich eine Auseinandersetzung mit filmischen Vorbildern, die mit den Mitteln einer „instabilen“ Filmästhetik zugleich von sozialer Instabilität erzählt.

schlesinger
Martin Schlesinger ist Medienwissenschaftler, Autor, Musiker und Filmemacher. Er studierte Medienkultur an der Bauhaus-Universität Weimar und Comunicação Social an der Universidade Federal de Minas Gerais in Belo Horizonte. Er promoviert derzeit in Bochum mit einer Arbeit über Bilder der Enge im brasilianischen Film.

 

 

 

O BANDITO DA LUZ VERMELHA The Red Light Bandit

Brasilien 1968. R: Rogério Sganzerla
D: Helena Ignez, Paula Villaça, Pagano Sobrinho. 92 Min. 35mm. OmeU

red light bandit artikel

O BANDIDO DA LUZ VERMELHA zeichnet anhand von Polizeiakten den Aufstieg des legendären Verbrechers Jorge nach: Eine Serie von Raubüberfällen auf Luxusvillen in São Paulo machte den von der Boulevardpresse bald als „Red Light Bandit“ betitelten Gauner berühmt und berüchtigt. Jorge ist ein absoluter Anti-Held: Er arbeitet allein und vergewaltigt seine weiblichen Opfer. Mit der Femme fatale Janete Jane hat er eine Affäre, von anderen Einbrechern und korrupten Politikern wird er übers Ohr gehauen. 2010 entstand das Sequel LUZ NAS TREVAS – A VOLTA DO BANDIDO DA LUZ VERMELHA unter der Regie von Ícaro Martins und Helena Ignez, der einstigen Hauptdarstellerin und Witwe von Regisseur Rogério Sganzerla.

Donnerstag, 30.11.2017
20:15 Uhr

Filmbeginn:
ca. 21:15 Uhr

Eintritt frei

Reservierung empfohlen

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