LECTURE & FILM: JEAN-LUC GODARD

Lectures von Tanja Michalsky, Philip Ursprung und Lorenz Engell

ausser atem

Mehr als jeder andere Regisseur ist Jean-Luc Godard Philosoph, genauer: ein Geschichtsphilosoph des Kinos. Mit seinen frühen Werken beginnt eine Film-Epoche, in der Regisseure über die Geschichte ihrer Kunst reflektieren und sie mit ihren Filmen bewusst aufgreifen und weiterspinnen. Godard hat überdies die Geschichte des Kinos filmisch dokumentiert, etwa in seinem großen Filmessay HISTOIRE(S) DU CINÉMA (1988-1998). Immer wieder hat Godard die Frage gestellt, was nach dem Kino kommt.

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Die Lecture-Reihe nimmt das Werk Godards zum Anstoß und Ausgangspunkt für eine vielstimmige Reflexion über die Geschichte und die Zukunft des Kinos. Bis Juli 2013 kommen Regisseure, Filmwissenschaftler, Kunsthistoriker, Philosophen und Schriftsteller zu Wort, die jeweils einen Faden aus einem Film Godards aufgreifen und weiterentwickeln. Ergänzt wird die Reihe durch weitere Filme Godards und durch Werke, über die der Regisseur und Autor Kritiken in den Cahiers du Cinéma verfasst hat. Eine Veranstaltungsreihe in Kooperation mit der Goethe-Universität Frankfurt (Lehrstuhl für neuere und neueste Kunstgeschichte, Prof. Regine Prange & Lehrstuhl für Filmwissenschaft, Prof. Vinzenz Hediger).

Liebe in der Stadt. Der Duktus des Dokumentarischen in Godards
2 OU 3 CHOSES QUE JE SAIS D´ELLE

Lecture von Prof. Tanja Michalsky

 

„Elle“, „Sie“, in dem Titel von Godards Film, ist die junge Juliette Jeanson, die mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Sohn in einer Pariser Vorstadt wohnt und einmal pro Woche als Prostituierte in einem Stundenhotel arbeitet, um sich die neueste Mode leisten zu können. “Elle” ist aber auch Paris, die Stadt, die sich in den 1960er Jahren in einem großen Umbruch befindet und rasch über ihre ursprünglichen Grenzen hinaus wächst. Der Vortrag stellt Godards Film in Zusammenhang mit anderen Filmen, die sich mit dem modernen Sexualleben und den Lebensbedingungen von Stadtbewohnern auseinandersetzen, wie AMORE IN CITTÀ (IT 1953, R: Michelangelo Antonioni), COMIZI D´AMORE (IT 1965, R: Pier-Paolo Pasolini) oder WIENERINNEN: SCHREI NACH LIEBE (AT 1952, R: Kurt Steinwender).

Tanja Michalsky ist Professorin für Kunstwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin.

 

2 OU 3 CHOSES QUE JE SAIS D‘ELLE  Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß

Frankreich 1967. R: Jean-Luc Godard.
D: Marina Vlady, A. Duperey. 84 Min. 35mm. DF

Über seinen Film schrieb Godard, er wolle darin alles thematisieren: Von Sport über Politik bis hin zu Lebensmitteln, eben alle für das zeitgenössische kapitalistische System Frankreichs typischen Erscheinungen. Ausgangspunkt ist die Schilderung eines Tages im Leben der verheirateten Mutter Juliette Jeanson, die als Prostituierte arbeitet. Parallel zu den ironisch gezeichneten Begegnungen mit ihren Freiern erweitert Godard die sichtbare Handlung mittels voice-over um zahlreiche philosophische (Selbst-)Reflexionen. Dazu montiert er assoziative, ikonische Bilder von höchster visueller Brillanz.

Donnerstag, 08.11. 2012

Vortrag: 17:30 Uhr
Film
: ca. 18:30 Uhr

Hauptstadt des Schmerzes: Godards ALPHAVILLE
und die dunkle Seite des Wohlfahrtsstaates

Lecture von Prof. Philip Ursprung

 

In ALPHAVILLE (1965) schildert Jean-Luc Godard eine Stadt, deren Bewohner, von der Außenwelt isoliert, den Anweisungen eines Computers folgen. Alpha 60, das „Herz“ der Stadt, ist der Kontrolle der Menschen entglitten und beherrscht nun die Einwohner. Der Film ist in schwarz-weiß gedreht und erinnert an den Stil des Film noir. Während dieser in den Ruinen der Industriegesellschaft spielt, nimmt ALPHAVILLE die Ruinen der Informationsgesellschaft vorweg. Als Kulissen fungieren die Neubauten der 1960er Jahre, Rasterarchitekturen der Bürokratie und des sozialen Wohnungsbaus. Es sind die Räume des Nachkriegs-Wohlfahrtsstaates, welche die Bürger zugleich schützen und kontrollieren. Philip Ursprung unternimmt in seinem Vortrag eine Annäherung an Fragen wie: Wie lässt sich der Film ALPHAVILLE in Beziehung setzen zur damaligen Architekturdiskussion? Welches ist der politische und ökonomische Kontext? Was macht den Film angesichts des Zerfalls des Wohlfahrtsstaates aus heutiger Sicht brisant?

Philip Ursprung ist Professor für Architekturgeschichte an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich.

ALPHAVILLE  Lemmy Caution gegen Alpha 60

Frankreich/Italien 1965. R: Jean-Luc Godard.
D: Eddie Constantine, Anna Karina. 99 Min. 35mm. OmU

In der Zukunftsstadt Alphaville ist der freie Gedanke verboten, Kultur und Emotionen sind ausgelöscht. Ein von Professor von Braun erfundener Computer, Alpha 60, ersetzt menschliche Werte durch Versatzstücke nüchterner Wissenschaft und diktatorisch-korrumpierter Logik. Geheimagent Lemmy Caution wird beauftragt, Professor von Braun zu töten und Alpha 60 zu vernichten. Godard inszeniert Caution in Anlehnung an die Privatdetektive des Film noir, aber auch als Repräsentanten einer noch nicht von Maschinen kontrollierten „alten Welt“, deren Poesie und Humanität er als mächtiger erachtet als jedes Rechensystem.

Donnerstag, 15.11. 2012

Vortrag: 20:15 Uhr
Film
: ca. 21:15 Uhr

Auto, Stau, Unfall, Film. Zu einer Motivkette in Jean Luc Godards WEEK-END

Lecture von Prof. Lorenz Engell

 

WEEK-END zeigt an zentraler Stelle zwar nicht den längsten, gewiss aber einen der eindrucksvollsten Verkehrsstaus der Filmgeschichte. Die besondere Beziehung zwischen Automobil und Film ist schon mehrfach analysiert worden – beide liefern bewegte Bilder, bewegen den im Sitzen stillgestellten Körper, beide entstammen dem späten 19. Jahrhundert, und das Automobil ist wohl eines der Lieblingsmotive des Films überhaupt. Der Beitrag entfaltet vor diesem Hintergrund und mithilfe einer speziellen Theorie filmischer Motive, was bei Godard aus dem Film wird, wenn das Motiv Ketten zu bilden und zu wuchern beginnt und der automobile Verkehr zum Erliegen kommt. Lorenz Engell liest WEEK-END als eine Soziographie gemischter Ensembles aus Menschen und Artefakten und als Reflexion auf das bewegte Bild.

Lorenz Engell ist Professor für Medienphilosophie an der Bauhaus-Universität Weimar und gemeinsam mit Bernhard Siegert Direktor des Internationalen Kollegs für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie (Käte Hamburger Kolleg – IKKM).

 

WEEK-END Weekend

Frankreich/Italien 1967. R: Jean-Luc Godard.
D: Mireille Darc, Jean Yanne. 105 Min. BluRay. OmeU

Das junge Pariser Paar Corinne und Roland reist mit dem Auto in die Provinz, um sich das Erbe von Corinnes Vater zu sichern. Im Verlauf ihrer Fahrt entpuppt sich das Land als Hort bizarrer Gestalten und zerstörerischer Kräfte; sie begegnen fiktiven und historischen Persönlichkeiten, Wahnsinnigen und Kannibalen. Godard führt seine Protagonisten in eine Sackgasse, an deren Ende sich der Abgrund der Menschlichkeit befindet. Seine virtuose tour de radicalité schließt mit einem Schlusstitel, der sowohl das Ende der Geschichte als auch das Ende des Kinos bezeichnet.

Donnerstag, 29.11. 2012

Vortrag: 20:15 Uhr
Film
: ca. 21:15 Uhr

THE MAN WHO KNEW TOO MUCH  Der Mann, der zuviel wusste

USA 1956. R: Alfred Hitchcock.
D: James Stewart, Doris Day. 120 Min. 35mm. OmU

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Jean-Luc Godard war ein Verehrer von Hitchcocks Regiewerk und verteidigte in seinen Rezensionen in den Cahiers du Cinéma den britischen Regiemeister gegen jede Kritik. Den Film THE MAN WHO KNEW TOO MUCH bezeichnete er im November 1956 als „vielleicht unwahrscheinlichsten, aber auch den realistischsten unseres Filmemachers“. Im Mittelpunkt steht das US-amerikanische Ehepaar Ben und Jo McKenna, das zusammen mit seinem Sohn den Urlaub in Marokko verbringt. Sie freunden sich mit einem Franzosen an, der kurz darauf getötet wird. Sterbend flüstert er Ben etwas zu. Diese letzten Worte bringen dessen Familie bald in größte Gefahr.

Samstag, 03.11.2012
18:00 Uhr

Mittwoch, 07.11.2012
18:00 Uhr

SWAMP WATER

USA 1941. R: Jean Renoir.
D: Walter Brennan, Walter Huston. 88 Min. BluRay. OF

Im Dezember 1957 widmeten die Cahiers du Cinéma Jean Renoir ein Sonderheft. Godard verfasste dafür einen Artikel über drei seiner Filme, darunter SWAMP WATER, der Godard zufolge Hollywood auf lange Sicht revolutionierte. Denn erstmals wurden für den Film eines Major Studios die Außenaufnahmen an Originalschauplätzen gedreht. Die Sümpfe Georgias sind das Ziel des flüchtigen Tom Keefer, der unschuldig eines Mordes verdächtigt wird. Er freundet sich mit einem jungen Trapper an, der sich bald in Keefers Tochter verliebt.

Mittwoch, 14.11.2012
18:00 Uhr

THE SAGA OF ANATAHAN  Die Sage von Anatahan

Japan 1953. R: Josef von Sternberg.
D: Akemi Negishi, Tadashi Suganuma. 92 Min. 35mm. engl. OF

Sternbergs letztes Regiewerk erzählt von zwölf japanischen Soldaten, die nach dem Untergang ihres Schiffes im Juni 1944 auf der Pazifikinsel Anatahan stranden. Deren einzige Bewohner sind ein Bauer, der eine verlassene Plantage beaufsichtigt, und seine schöne Frau. Als der für die Wahrung der Disziplin verantwortliche Unteroffizier den Rückhalt in seiner Mannschaft verliert, eskaliert die Situation: Angeheizt durch einen Waffenfund in einem Flugzeugwrack brechen Kämpfe um die Macht und die einzige Frau auf der Insel los. Godard hielt den Film für einen der zehn besten des Jahres 1956.

Samstag, 17.11.2012
18:00 Uhr

Mittwoch, 21.11.2012
18:00 Uhr

STRANGERS ON A TRAIN  Der Fremde im Zug

USA 1951. R: Alfred Hitchcock.
D: Farley Granger, Ruth Roman, Robert Walker. 101 Min. 35mm. OF

Während einer Zugfahrt wird der erfolgreiche Tennisspieler Guy Haines von einem Unbekannten angesprochen, der sich als fanatischer Fan namens Bruno Anthony herausstellt. Er schlägt Haines vor, dessen scheidungsunwillige Frau zu töten, wenn Haines dafür Anthonys Vater umbringt. Guys scherzhafte Einwilligung rächt sich bald. Jean-Luc Godard lobte Hitchcocks Film für seinen an Dostojewski erinnernden Fatalismus und die von F. W. Murnaus Expressionismus beeinflusste Inszenierungskunst.

Samstag, 24.11.2012
18:00 Uhr

Mittwoch, 28.11.2012
18:00 Uhr

 

 

 

Kinocard für Studenten
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